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1. Ausgabe

… zum Thema ‚Grenzen‘.

 

Beiträge:
 

Editorial

 

Texte:

Eva Menasse – Wie Rehe im Restlichverstärker
Annette Pehnt – Grenzen
Jonas Scheiner – 10 Wahrheiten über die Fahrt zur hohen See
Jim Geren – You Drive Me Crazy
Kateryna Mishchenko – Nacht
Wettbewerbsgewinner:
Platz 1: Diana Radovan – Unterwegs
Platz 2: Jule Sonnentag – Gloria
Platz 3: André Patten – Mohan

 
Bilderstrecken:

Angélica Dass – humanæ
Oliver Sieber – Character Thieves
Laura Engelhardt – Bauangriff
Miron Zownir – Nacht
Valerio Vincenzo – Borderline

 
Weitere:

Rezensionen

Fakten
Buchempfehlungen
Übersetzung

 

Editorial

 
Grenzen sind ein ebenso allgemeines wie grundsätzliches Phänomen unserer Alltagswelt. Grenzen strukturieren das soziale Leben in unterschiedliche Generationen und Geschlechter. Grenzen markieren Territorien und Nationalitäten und unterscheiden heute mehr denn je in Freund und Fremder. Und so banal es Grenzen des guten Geschmacks gibt, so grundsätzlich hilft die Grenze als kognitive Kategorie (Differenz), etwas in seiner Eigenart und im Unterschied zu etwas anderem zu erkennen und zu bezeichnen.

 
Grenzen werden im Verlauf der Zeit und im Unterschied der Kulturen auch neu verhandelt und neu gezogen. Dieses je neue Ausloten und Verhandeln von Grenzen hat keine zentrale Regelungsinstanz, sondern ist ein weltweites diskursives Geschehen.

 
Text + Bild macht es sich zur Aufgabe, ausgewählte Überzeugungen der Literatur und bildenden Kunst zur Sprache zu bringen. Beginnend mit der ersten Ausgabe, die sich den ‘Grenzen’ widmet, werden die künstlerischen Positionen von arrivierten und experimentierenden, von nationalen und internationalen Künstlern, die die Redaktion für Wert hält, der Öffentlichkeit vorgestellt.
 

Wir danken allen AutorInnen und KünstlerInnen für die interessanten Diskussionen, die ihre Beiträge aus Literatur und Essayistik, aus Fotografie und Graphic Novel, etc. angeregt haben.
 

Das Redaktionsteam

 

Jonas Scheiner – 10 Wahrheiten über die Fahrt zur hohen See

 


 

Wettbewerbsbeiträge

 

Platz 1:

Diana Radovan – Unterwegs

 

2011
Morgen läuft dein Visum ab. Die Bücher sind verschenkt. Vielleicht siehst du die Rockies zum letzen Mal. Sulphur Mountain bleibt dein Zauberberg. Es gibt auch Menschen, die hier bleiben. Der Taxifahrer fragt: Where is home? Hm. No clue. Du hast gelernt nicht jedem Fremden dein Leben als Smalltalk zu verkaufen. Du atmest in der Stille. Du steigst aus.
*
Am Flughafen, morgen in der Früh. Du hast Geburtstag. Heute, morgen, gestern? Es kommt drauf an, wo die Zeit gemessen wird. Kanada, England, Deutschland, Rumänien. Geburtstag für Geburtstag nähern wir uns unserem Tod. Tod ist weiblich in deiner Muttersprache. Moarte. Wie Tisch, Haus und Boot. Traurigkeit ist auch auf Deutsch weiblich.

 

2009
Du wolltest in die Welt hinaus. Sie will aber keine Osteuropäer. Du hattest Angst, deutsch zu reden und Geld auszugeben. Du hast Brot und Kartoffelsalat gegessen. Es gab viele Arten vom Brot, aber nicht das Brot deiner Kindheit. Du hast zugenommen. Deine Haare, Fingernägel und Kniegelenke sind brüchig geworden.

Deine beste Freundin hat dich am Telefon nicht erkannt. Nach 9 Monaten in Deutschland warst du in deiner Heimatstadt zum Besuch. Das Leben dort ging ohne dich weiter. Nur dein Zimmer war immer noch dort, auf der alten Straße. Du wolltest auch dein altes Ego wieder haben, aber deine Augen waren offen. Voll mit Licht, aber auch mit der Dunkelheit des Alleinseins an einem Samstag, des Schmerzes beim Warten im Krankenhaus an einem Sonntag, ohne richtig erklären zu können, was weh tut. Du fragst: Was bedeutet schwanger? Der Arzt lacht. Dein Freund kann noch weniger deutsch als du.

Wenn dich deine Eltern besuchen, bist du die Mutter und sie die Kinder. Ohne dich möchten sie das Haus nicht verlassen. Du kochst für sie jeden Tag. Sie stellen viele Fragen, über alles. Du willst, dass sie niemals alt und hilflos werden.

Die Frau in deinem Gesangskurs denkt, dass du bei McDonalds arbeitest wie alle Rumänen. Was, du bist promovierte Naturwissenschaftlerin bist und kannst fünf Sprachen? Sie ist Friseurin und isst alles Bio. In deiner Heimatstadt gibt es mehrere feste Stellen, wo die Bauern täglich frische Lebensmitteln verkaufen. In der Pause lädt sie dich nicht zum Essen ein.
Du musst immer viel erklären, wenn du über dein Heimatland redest. Wie war es, im Kommunismus aufzuwachsen? Ist das Leben dort wirklich so schlimm und korrupt, wie es die Zeitungen andeuten? Hast du Familie in Deutschland? Warum redest du auf englisch bei der Arbeit? Warum bist du noch hier? Warum?

Über deine Kindheitserinnerungen, den Garten deiner Oma, wo du stundenlang gespielt, gelesen und Kirschen gegessen hast, über die Wanderungen durch die Karpaten mit deinen Eltern, deines Vaters Kunst und Chemie-Professur, deine Freude an Weltkultur und -literatur, darüber etwas zu erzählen geht nicht, davon will keiner hören.

Bist du ein Vampir? Hahaha. Über Zigeuner musst du nichts sagen, darüber wird nur im Fernsehen gesprochen; dort klauen sie und heißen Roma. Wer Fernsehen schaut weiß, dass alle Rumänen und Bulgaren Roma sind. In den Zeitungen lernst du neue Wörter über dich: Parallel-Gesellschaft, Armutswanderung, qualifizierte Mitarbeiter.

Umzug für Umzug hast du vergessen, was acasă bedeutet. Du bist eifersüchtig auf alle Menschen, die das Zuhause nicht verloren haben, die nicht gleichzeitig in 3 Sprachen denken und reden, sogar während dem schlafen.

Vor 4 Jahren, auf der Zugfahrt, hat euch ein Paar gefragt: Was für eine Sprache ist das, es klingt wie italienisch mit einem russischen Akzent? Rumänisch, habt ihr gleichzeitig gesagt. Sie haben gelacht. Ihr habt euch in Stille eingewickelt, aber nicht die gleiche Stille. Obwohl der Mann aus deinem Heimatland kam, blieb er dir fremd, auch wenn er seinen Körper in deinem schnell bewegte. Zerstört, verloren, für immer. Überall Ausland.
*
Auf dem Weg nach Kanada, sagt die Flughagenmitarbeiterin: Ihr Leben interessiert mich gar nicht, haben Sie Ihre Dokumente dabei? Dein Visum sagt: Worker – Biology. Am Ausgang, wenn du ankommst, wartet dein Mann auf dich.

 

2010
Und dann passiert es. Dein Mann verlässt dich, du bist krank, du hast keinen Job, du bist entweder schwanger oder trägst ein Monster in deinem Bauch, es muss raus, aber erstmal muss es entdeckt werden, niemand glaubt, dass es eins gibt, das Monster ist Teil von dir, du trägst es rum, du bist das Monster, jemand bricht in deine neue Wohnung ein, du kannst nicht schlafen, du hast dein Bein kaputt gemacht, du kannst nicht laufen, dein Chef will wissen, warum du immer krank bist, es ist kalt und dunkel im Labor, und draußen noch kälter und dunkler, du kannst es nicht mehr ertragen, immer mit dir zu leben, du kannst nicht zu einem Spezialisten gehen, du hast kein Auto, es sind -30 Grad Celsius, die Berge sind schön, aber dein Bein ist kaputt und außerdem ist das nicht dein Zuhause, was machst du eigentlich mit deinem Leben, wo ist das Leben, du weinst zu viel, du dumme hässliche Schlampe, du legst dich hin in der Mitte der Nacht auf die kalte Straße und sagst zu deinem Ex-Mann: Ich will sterben, so geht’s nicht mehr, er zieht dich rein, ihr seid in deiner Wohnung, du und ein entfremdeter exotischer Mann ohne Land, für den du nicht gut genug warst, es gibt schon eine andere, sie ist ganz anders als du, hier war sie deine einzige Freundin, er sagt, du musst mit der neuen Situation zu Recht kommen, bitte sei Erwachsen, du warst so stark und unabhängig, als wir uns kennengelernt hatten, so kann ich dich nicht ertragen, früher hatte er immer gesagt, du bist meine einzige Familie. Mit seiner Familie hat er lange nicht geredet. Du sagst nur eins, du willst sterben. Aber es passiert nicht.
*
Du hast immer versucht, das zu werden, was du gedacht hast, dass von dir erwartet wurde. Jetzt liegst auf dem Flur in Stückchen. Mit welchem solltest du etwas anfangen? Jeder Woche nimmt du Teil an einem Schreibkurs. Freefall-Writing. Damit baust du ein neues Ich, ohne dabei die Regeln des Spieles zu wissen. Du entdeckst sie nur für dich, als du dich verwandelst. In dir wächst langsam dein eigenes zuhause.

 

2014
Du bist Steuerplus. Im Flughafen, wenn du einen Anzug auf Dienstreise trägst und wegfliegst, redet man mit dir ganz anders.
Die Frau in dem norwegischen Heimatmuseum fragt: Where do you come from? Du nimmst dir Zeit. Was solltest du antworten? For administrative reasons, what is your home country? OK. For administrative reasons, Romania.
Die Meldebescheinigung, die du von der Stadt deines Promotionsstudium bekommst sagt, dass du aus Temeschburg, Bulgarien, kommst. For administrative reasons sind Rumänien und Bulgarien gleich.

 

2015
Du unterichtest Menschen aus vielen Ländern online. Kreatives Schreiben. Deine eigene Mentorin aus Kanada sagt: was man als Schriftsteller ausdrücken will, ist das, was sich versteckt, hinter der Sprache. Dein Lehrer an der Donau sagt: die Sprache, in der man schreibt, soll man beherrschen!

Die Donau fließt durch viele Länder, auch durch dein Heimatland, auch durch dieses Land, das nicht deine Heimat werden möchte. Die Sprache erlaubt keine Annäherung. Es gibt Regeln, aber keine Intimität. Jedes zweite Jahr gibt es in der Stadt ein Fest mit Essen aus allen Donauländern.

Die Donau in Rumänien hatte damals, als du Kind warst, immer Hunger. Auf Blut. Zwischen 1948 und 1989 haben hunderte Menschen versucht, über die Donau zu fliehen. Mann weiß immer noch nicht genau wie viele ermordet wurden, und wie viele es geschafft haben.

Viele Deutsche haben dabei Rumänien verlassen. Wenn sie Glück hatten, sind sie in einem Lager gelandet. Sie mussten alle dort schlafen und pinkeln. In Deutschland waren sie die Rumänen: Was hast du geklaut? Dann haben sie den Nobelpreis bekommen und beide Länder wollten sie haben.

Ab heute bist du offiziell Deutsche. Als Geliebte, bist du Spanierin; als Koch, Inderin, als Schriftstellerin, Kanadierin. Die Poesie kommt aus dem Iran. Dein Kinderherz bleibt Rumänisch. Und alles andere ist Stille und eine Mischung von alles und allen, was sich versteckt, hinter der Sprache.

 

Platz 2:

Jule Sonnentag – Gloria

 

Als Irina schwanger wurde – womit keiner von ihnen gerechnet hatte – kauften sie ein gebrauchtes Kinderbett und Patricio versprach ihr, dass er mit dem Marihuanarauchen aufhören würde. Keiner kann ihm nachsagen, dass er sich nicht bemühte: Nach der Geburt des Babys – einem Mädchen – schoss er mit seinem verkratzten Smartphone ein Foto der Neugeborenen und verwendete es als Profilbild auf Facebook, wo es die wenigen seiner Verwandten in Chile, die ihn nicht vergessen hatten, mit Gefällt mir markierten. In den immer gleichen  Phrasen, denen der Computer geduldig war, wünschten sie der „jungen Familie“ (Patricio hatte die Dreißig deutlich überschritten, auf Irina traf diese Bezeichnung eher zu) Glück und Segen: Bendiciones!

 

Über den Namen des Kindes herrschte Einigkeit, obwohl er genug Anlass für Unstimmigkeiten hätte geben können: Irina kam aus Russland, wohin ihr Vater nach dem Tod der Mutter zurückgegangen war; Patricio, Elektriker, war vor mehr als einem Jahrzehnt aus Chile einer Frau nach Deutschland gefolgt und hasste seit der Trennung von ihr dieses sein Irgendwieland mehr denn je. Irina hatte er auf einer Party kennengelernt: weiche, weiße Gesichtszüge, eine flächige, unaufgeregte Art von Schönheit – als er erfahren hatte, dass sie keine Deutsche war, hatte er sie nach ihrer Nummer gefragt. Und jetzt, kein Jahr später, wollte er, dass die Tochter Gloria genannt würde – wie seine Mutter in Santiago hieß. Irina fand den Namen schön und so ließ sich Patricio zwei Wochen nach der Geburt des Kindes eine weitere Tätowierung stechen: Gloria landete auf seinem Oberarm, geschwungene Schrift, die später verschwimmen und damit unlesbar sein würde, gleich neben dem Uhu, Maskottchen des Fußballclubs Universidad de Chile. Patricios Mutter war gerührt, schrieb mehrmals, sie wolle kommen, um die nach ihr benannte Enkelin zu besuchen, hatte dann aber doch kein Geld für den Flug.

 

Irina also, nun Mutter. Sie hatte ein paar Semester an der Hochschule für Gestaltung und viele unbezahlte Praktika in Werbeagenturen hinter sich, als Gloria zur Welt kam, noch bevor sie das Studium abgeschlossen hatte. Ein Freund Patricios, irgendeiner seiner compadres in Deutschland, beschaffte ihnen eine kleine Drei-Zimmer-Wohnung, die Irina einrichtete. Eine ihrer Freundinnen malte – nicht gut genug für die Kunstakademie, doch für Glorias Zimmer, das kleinste in der Wohnung, reichte es. Sie hatten es genau geplant: Patricio sollte das Hemd ausziehen und mit der Kleinen auf der Brust posieren, Irina hatte eigens dafür ein weißes Kleid für das Kind gekauft. Doch dann kam er wieder einmal zu spät und das Bild zeigte Gloria allein, ohne ihren Vater. Als die Farben getrocknet waren, kaufte Olga einen Rahmen und schenkte es Patricio und Irina zum einjährigen Beziehungsjubiläum, das sie etwas nach Glorias Geburt begingen.

 

Patricios Vorsätze hielten, bis das Kind den ersten Strampelhosen entwachsen war, dann blieb er abends wieder länger aus und Irina, die kleine Gloria schlafend an der Brust, wartete vor dem Fernseher auf ihn. Das Baby war kein Neugeborenes mehr, das Profilbild nicht mehr aktuell, doch Patricio tauschte es nicht aus und noch immer trafen gelegentlich die Glückwünsche entfernter Verwandter und alter Freunde ein, die das Bild erst spät bemerkt hatten und wohl annahmen, die Kleine wäre gerade geboren worden. Nicht nur mit dem Foto war Patricio nachlässig: Eines Abends blieb sein Handy neben Irina auf dem Sofa zurück. Sie wurde erst darauf aufmerksam, als ihn jemand anrief, und sie nahm es, um den Anruf abzuwehren, da es direkt neben dem Kopf der schlafenden Gloria klingelte. Dabei sah sie, dass es Olga war, die Patricio anrief, Olga, die Malerin, und das Bild hing doch längst – es gab keine Fragen mehr. Was war zu tun? Gloria, Patricios Mutter – sie würde gerne die Frau kennenlernen, nach der ihr Kind benannt war, ja, Gloria würde helfen. Abends, auf Patricio wartend im blauen Auge des Computers, verglich Irina Flugpreise und kehrte zwischendurch immer wieder zum Profil von Patricios Mutter, auf Facebook zurück. Sie waren natürlich befreundet: Als sie von der Schwangerschaft erfahren hatte, hatte sie Irina eine Anfrage geschickt. Der Computer warf ihr ein Bild nach dem anderen aus Glorias Leben hin: Figurbetonte Kunstlederjacken, stahlblauer Lidschatten, glattgezogene Ponyfransen, die ihre Augen schnitten, Gloria zwischen Männern, Freunden, die meisten Bilder unscharf: eine verwischte Gestalt mit einer Zigarette in der Hand. In einem Callcenter, Gloria auf dem Arm, telefonierte Irina nach Russland, eine enge Kabine, ein klebriger Telefonhörer, die Schnur, die sich durch Glorias Finger zog und die sie ihr aus der kleinen Hand nahm: Irina desinfizierte sogar zu Hause jedes Spielzeug. Sie sprach mit ihrer Patin, die ihr zur Zeit ihres Studiums jeden Monat Geld überwiesen hatte und die schließlich versprach, ihr Flugticket nach Chile zu bezahlen. Als das Geld einen Monat später eintraf, erzählte sie Patricio davon, zeigte ihm das billige Angebot, das sie gefunden hatte. Patricio lag auf dem Sofa, Gloria, den Daumen im Mund, schlafend auf seinem Bauch. Ob sie denn alleine fliegen wolle, fragte er. Aber nein, natürlich mit ihm, sie alle zusammen: Als Familie. Und wer dann sein Ticket bezahlen solle? Hatte sie nicht gesagt, dass ihre Tante nur Geld für eines überwiesen habe? Ach, ich dachte, vielleicht kannst du Gonzalo – Nein. Nein. Das geht nicht, gorda, das will ich nicht. Gonzalo hat mir schon bei der Wohnung geholfen, dabei bin ich länger hier als er. Sie sprachen Deutsch miteinander, das Patricio schlechter beherrschte als Irina, manchmal verstand sie ihn nicht, doch Spanisch hatte sie nie gelernt. Er hob Gloria hoch und übergab sie an Irina: Dann können wir wohl nicht fahren. Schade. Und er sah nicht traurig aus dabei.

 

Doch Irina rief noch einmal die Patin an, die sprach mit anderen Verwandten: Irinas Mutter war früh gestorben, sollte sie da nicht wenigstens die Schwiegermutter kennenlernen dürfen? Sie musste natürlich eine Weile warten – als endlich die Überweisung eintraf, war Glorias erster Geburtstag vorbei. Sie buchten die Tickets für September – Nationalfeiertag in Chile – Patricio nahm sich Urlaub. Bringt mir was mit, sagte Olga, die jetzt öfter bei ihnen in der Küche saß und mit den langen Nägeln Kerben in den ausgedrückten Zigaretten hinterließ, Patricio hielt den Aschenbecher bereit und auf ihren Knien wippte sie Gloria. Was sie denn gerne hätte, fragte Patricio. Un chupete, lachte Olga ihm ins Gesicht, sie konnte Spanisch. Irina wollte das Wort nachschlagen, später hatte sie es aber wieder vergessen.

 

Palmen. Staub. Kälter als sie gedacht hat: Patricios Land. Die Blüten an den Bäumen sind geschlossen: Der Frühling kommt bald, sagt Patricio. Es ist September, in dieser fernen Welt alles ins Gegenteil verkehrt. Im Bus fahren sie vom Flughafen in die Stadt. Gloria weint übermüdet, sie hat fast den ganzen Flug lang geschrien, nur bei der Zwischenlandung in Sao Paolo kurz geschlafen, den Kopf auf dem grünen Plastik der Wartesitze, Irina zu müde, ihre Jacke darunter zu breiten. Sie schaut aus dem Busfenster, es ist früher Morgen, es ist noch neblig, auf den Straßen sind nur Hunde unterwegs, ihr Fell ist teerverklebt. Irina hat von den Anden gelesen, aber sie sieht sie nicht. Das letzte Stück fahren sie im Taxi, aus dem Irina aussteigt und den Kopf in den Nacken legt. Sie sieht vergitterte Fenster, sie fragt: Hier also wohnt deine Mutter? – Was, meine Mutter, nein, wir wohnen bei einem Freund. Bei meiner Mutter ist kein Platz. Im zweiten Stock wird eine Wohnungstür geöffnet: Horacio, kräftiger Bauch, eine Narbe zieht sich durch die rechte Braue. Daneben, jünger, mit mageren Schultern unter einem Schal, an dem sie sich festhält, Haare und Augen blass, dunkel umrandet: Mane. Sie spricht ihren Namen überdeutlich aus, ohne zu lächeln und später wird Irina erfahren, dass das hier die übliche Abkürzung ist für María Elena. In der Küche ein Gasofen, eine Heizung gibt es nicht. Die Fenster lassen sich nicht ganz schließen, durch die Ritzen dringt Kälte hinein. Ein Morgenrot tastet sich durch den Nebel, in den entfernteren Hochhäusern fangen die Fenster die Sonne auf, ein Glitzern wie von Glasscherben im Staub. Mane spricht Spanisch, Irina versteht sie nicht. Gloria ist plötzlich ruhig auf dem Arm der Fremden, die das blonde Haar der Tochter mit einer Spange aus dem eigenen Haar schmückt. Sie scherzt mit dem Kind in der unbekannten Sprache, sie verlässt den Raum mit ihm. Als Irina nach der Tochter sucht, findet sie sie schlafend, von anderen zugedeckt.

 

Nachts steht Irina auf dem Balkon. Horacios Wohnung liegt neben einem Hochhaus, auf dessen Dach eine Leuchtreklame gleichmütig hell wird und wieder erlischt: Rot, das die Schwärze zerreißt. Hinter Irina ist die Tür geschlossen, der Lärm in der Wohnung gedämpft durch die Scheibe: Satzfetzen, Schläge von Musik. Und wie hätte sie das auch wissen sollen: Dass Gloria, Patricios Mutter, noch jung genug ist, um mit ihm und seinen Freunden zu feiern – wenn er schon mal da ist, er wird es ja ganz verlernt haben drüben, nicht wahr! Dass Gloria, ihre Tochter, herumgereicht werden würde von Arm zu Arm, gebannt auf Handyfotos, auf Facebook geteilt: Seht, Patos Tochter! Ihr blondes Haar! Eine Schönheit, die kleine Deutsche – que preciosura!

Und die Balkone sind hier mit feinen, aber engmaschigen Drahtzäunen gesichert: Niemand kommt rein, der nicht reingehört. Sie sollte Gloria ins Bett bringen, denkt Irina, und schaut durch das Gitter nach unten auf die Straße. An der Hausecke die Metrostation, das erleuchtete Logo, drei rote Rauten in einem gekippten Oval, darunter der Name der Haltestelle: Protectora de la Infancia, Beschützerin der Kindheit.

 

Platz 3:

André Patten  – Mohan

 

Mohan weiß, wie wichtig die richtige Aufmachung ist. Nachdem er den Gürtel
geschlossen hat, streift er die Leinenhose glatt und zieht ein Paar bordeauxrote
Socken an. Er steht auf, geht zum Fenster und nimmt ein feinsauber gebügeltes
Hemd von der Fensterklinke. Da es draußen bereits dunkel ist, reflektiert das
Fenster, wie er das Hemd Knopf für Knopf schließt.
Die Hitze des Tages steht in Mohans Apartment. Sein Fenster geht raus zur Südseite
und lässt der Sonne leichtes Spiel. Der Ventilator auf dem Schreibtisch tut sein
Bestes, doch die Hitze bekommt er nicht aus dem kleinen Raum. Mohan setzt sich
auf sein Bett und sieht auf die Fotos an seiner Wand. Es sind Bilder aus einer
anderen Welt.
Die schwarzen Lackschuhe stehen gleich neben seinen roten Füßen. Eine milde
Nacht hat sich angekündigt. Er sieht in den Spiegel, probiert das Jackett an, zieht es
wieder aus. Es ist entschieden zu warm. Dann nimmt er von der Kommode den Bund
Rosen, den er am Vormittag gekauft hat und zieht die Wohnungstür hinter sich zu.
Kaum jemand ist auf den Straßen unterwegs. Altbauten säumen den Kanal, über die
Treppe ist es nicht weit zu den ersten Häusern der Innenstadt. Die Büros sind leer,
ihre Fenster schwarz. Nur die weißen Lamellen heben sich ab vom dunklen
Hintergrund.
Es ist eine kleine, beschauliche Stadt, durch die Mohan geht. In der Mitte der Altstadt
befindet sich ein Münster, etwas zu groß für den kleinen Münsterplatz, zu groß für
die Altstadt, zu groß für die dreistöckigen Häuser rundherum. Mohans Weg führt zum
Rathausplatz, dem einzigen Ort, an dem sich um diese Uhrzeit Menschen
versammeln. Die jungen Menschen sind in den großen Nachbarstädten. Sie nehmen
den Zug oder die Straßenbahn und sind in 20 bis 30 Minuten über den Fluss.
In Mohans kleiner Stadt vergnügen sich nur wenige am Freitagabend. Und wenn sie
etwas unternehmen, dann kommen sie zum Rathaus. Hier gibt es Restaurants und
Bars, kleine und große Lokale. Im Sommer bestimmt ein Wasserspiel den unteren
Teil des Platzes, der die Stadt zum Hafen hin öffnet. Mohan sieht auf die
Rathausuhr. Es ist kurz nach zehn Uhr abends. Der Freitagabend bricht gerade erst
an. Die Tische im Freien sind bei den milden Temperaturen gut besucht. Mohan
wartet in der Nähe des Rathauses und beobachtet das Treiben, er sieht zum leise dahin plätschernden Wasserspiel, an dem tagsüber die Kinder spielen. Vereinzelt
fahren gefüllte Straßenbahnen an ihm vorbei.
Mohan sieht noch einmal zur Rathausuhr, dann entschließt er sich zu einem ersten
Rundgang. Er nimmt eine Rose aus dem Bund und marschiert los, aber das Paar
winkt ab. „Eine Rose für die Rose“, sagt er, aber der Mann schüttelt bloß den Kopf.
Er widmet sich dem nächsten Tisch, aber auch hier nur Kopfschütteln. Der Kellner
am Eingang lässt ihn gewähren und so kann Mohan noch zu zwei weiteren Tischen
gehen. Doch auch dort hat er kein Glück. Die Paare winken ab, sagen „Danke“ oder
schauen weg. Als Mohan einen Moment am Tisch des vierten Paares wartet,
wiederholt der Mann energisch: „Ich habe Danke gesagt.“ Mohan nickt und verbeugt
sich. „Einen schönen Abend“, wünscht er und grüßt den Kellner. Sie geben sich die
Hand.
„Kein Glück heute?“
„Später, das Glück kommt immer später.“
Der Kellner lächelt und klopft Mohan auf die Schulter.
„Sie ist wieder da.“
Mohan schaut zu der Frau am äußersten Tisch. Sie sitzt allein an einem Tisch für
zwei und trinkt Rotwein.
„Bis später“, sagt der Kellner und Mohan winkt ihm kurz zu.
Dann geht er mit langsamen Schritten über den Platz zum vietnamesischen
Restaurant gegenüber. Doch bevor er das Restaurant erreicht, kommt der Kellner
des Lokals auf ihn zu. „Heute nicht, Mohan“, sagt er und wedelt mit den Händen.
„Ein Versuch“
„Die meisten Gäste sind gerade erst gekommen“
„Später?“
„Vielleicht“
„Später also“
Mohan dreht sich zur Seite und visiert das nächste Restaurant an. Das erste Paar
sitzt gleich bei den Wasserspielen. Ihr Blick ist auf den Platz gerichtet.
„Darf ich Ihnen eine Rose“, sagt Mohan und blickt der Frau mit seinen strahlenden
Augen ins Gesicht. Die Frau lächelt.
„Eine Rose“, sagt Mohan und präsentiert die Blume. Auf dem Tisch stehen leere
Teller, die Gläser sind halbvoll.
„Ich weiß nicht, Ute“

Ute macht ein bedrücktes Gesicht. Sie sieht ihren Mann fordernd an.
„Aber 46 wird man ja nur einmal.“
Ute lächelt beglückt.
„Was kostet mich denn der Spaß?“
„Drei Euro“
„Drei Euro für so einen Stengel?“
„Drei Euro“
Mohan nickt mit dem Kopf. Er lächelt. Der Mann zückt sein Portmonee, nimmt drei
Euro hinaus und legt sie in Mohans offene Hand. Mohan bedankt sich und überreicht
die Rose an Ute.
„Für die Rose des Abends eine Rose“, sagt er, lächelt und verneigt sich.
Ute strahlt und wünscht Mohan noch einen guten Abend. Mohan bedankt sich erneut
und bietet seine Rosen am nächsten Tisch an.
„Schon wieder der Rosen-Inder“, sagt ein Mann mit Schnauzbart, als Mohan an
seinen Tisch tritt. Der Mann sitzt zusammen mit zwei Frauen und einem weiteren
Mann.
„Darf ich Ihnen eine Rose?“
„Du hast mir schon so viele Rosen, das kann ich gar nicht mehr zählen“, lacht der
Mann mit dem Schnauzer.
„Die hat ein ganzes Bündel von deinen Rosen bei uns auf der Veranda“, sagt er und
zeigt auf die kichernde Frau am Tisch.
„Eine Rose für die Rose?“
„Ja, komm. Drei Euro?“
„Drei Euro“
„Wolfgang, ist das nicht etwas teuer“, mischt sich der andere Mann am Tisch ein.
„Drei Euro“, wiederholt Mohan und präsentiert die Rose.
„Das schickt der doch seiner Familie in Bangladesh. Das ist wie eine Spende,
verstehste, und tausendmal besser angelegt als bei den Bettlern auf der Straße. Die
versaufen das doch gleich.“
Mohan nickt und überreicht der noch immer kichernden Frau eine Rose.
„Eine Rose für die Rose“, sagt er und verneigt sich.
„Du bist ein Guter“, sagt der Mann und gibt Mohan einen fünf Euroschein in die
Hand.
„Den Rest kannste behalten.“

Mohan bedankt sich und verneigt sich erneut. Die Vierergruppe lacht fröhlich auf und
wünscht Mohan noch alles Gute, als er bereits am nächsten Tisch steht und seine
Rosen anbietet. Aber hier hat er genauso wie bei den nächsten Tischen kein Glück.
Der Kellner des Restaurants tritt zu Mohan und sagt, es würde langsam reichen.
Mohan bedankt sich bei ihm und verabschiedet sich bis später. In den nächsten
Lokalen hat Mohan wieder Glück. Von seinen sechszehn Rosen hat er anschließend
nur noch acht. Er setzt sich neben den Brunnen am Rathausplatz. Der Mond ist gut
zu sehen.
Neben ihn setzt sich der Kellner aus dem ersten Lokal. Er trägt keine Schürze mehr,
nur einen Hoody.
„Guter Abend?“
Der Kellner reicht Mohan eine Zigarette. Sie rauchen.
„Warum machst du das mit den Rosen, Mohan? Du arbeitest doch. Ich sehe dich
immer in der Küche vom Dorint, wenn ich dort vorbeikomme.“
Mohan pustet den Rauch in die Luft.
„Machst du das für deine Familie?
Mohan sieht nicht zum Kellner. Er starrt auf den Platz.
„Vadim hat erzählt, du hättest Familie in Pakistan. Zwei Töchter und eine Frau.“
Mohans Blick senkt sich. Er antwortet nicht. Sie rauchen. Man hört das Gerede in
den Restaurants, ab und an zischt ein Auto vorbei. Die Straßenbahnen sind selten
geworden.
„Vadim hat erzählt, du wolltest deine Familie nachholen.“
Mohans Blick bleibt starr auf dem Platz hängen. Sein Kopf ist immer noch leicht
gesenkt, als würde er beten.
„Vadim meinte, das hätte nicht geklappt. Da wäre was passiert.“
Mohan zieht an der Zigarette und sieht zur Rathausuhr. Es ist kurz nach halb zwölf.
„Und dann hat Vadim gesagt, deine Frau hätte nein gesagt. Sie sind da geblieben in
Pakistan.“
Mohan raucht.
„Du weißt wie Vadim ist, wenn er redet, dann redet er.“
Mohan sieht auf seine Schuhe. Das Licht der Laterne spiegelt sich auf ihnen.
„Was ist mit der Frau an dem Tisch, Mohan? Seitdem du ihr die Rose geschenkt
hast, kommt sie nur noch allein. Jeden Freitag. Genauso wie du. Ich stell sie dir vor,
gar kein Problem.“

Mohan raucht.
„Ich fahre noch rüber. Willst du mitkommen, Mohan? Ein paar Bier, zackzack. Das tut
dir gut und die Rosen, die werden wir auch noch los.“
Mohan blickt den Kellner mit einem Lächeln an. Er neigt den Kopf nach vorne, so als
ob er sich verbeugen würde.
„Machs gut, Mohan. Bis nächste Woche“, sagt der Kellner und sprintet zur
Straßenbahn. Als sich die Türen der Tram öffnen, hört Mohan das Grölen der
Mitfahrer. Er sieht der Bahn so lange nach, bis sie aus seinem Blickfeld
verschwindet. Dann steht er auf und geht ohne Umwege zum nächsten Restaurant.